Eine Beobachtung hält fest, was im Text passiert. Eine Deutung erklärt, was das Beobachtete bedeutet. Beide Sätze sehen ähnlich aus, sie leisten aber etwas ganz Verschiedenes, und eine echte Analyse eines Textes braucht mehr von der zweiten Sorte als von der ersten.
Zwei verschiedene Sätze
Die Beobachtung hält fest, was im Text steht oder passiert. Sie lässt sich direkt am Text nachprüfen, unabhängig von der eigenen Meinung. Die Deutung erklärt, was diese Beobachtung bedeutet, wozu sie an dieser Stelle dient oder was sie über eine Figur, eine Situation oder eine Aussage zeigt. Die Deutung muss begründet werden, die Beobachtung nicht.
Beispielszene: „Lukas legte die Gabel ab, noch bevor sein Vater den Satz beendet hatte. Er nickte kurz und stand auf, um den Tisch abzuräumen, obwohl noch niemand fertig gegessen hatte.“
Vier Sätze beziehen sich auf diese Szene. Auf einen Satz klicken zeigt, ob es sich um eine Beobachtung oder eine Deutung handelt.
Das Verhältnis im Absatz
In einem Analyseabsatz kommt es häufig vor, dass mehrere Sätze hintereinander nur die Handlung wiedergeben, bevor überhaupt eine Deutung folgt. Je länger dieser beobachtende Teil wird, desto weniger Platz bleibt für die eigentliche Analyse, und der Absatz wirkt am Ende wie eine Nacherzählung mit einem einzigen angehängten Deutungssatz. Sinnvoller ist es, jede Beobachtung möglichst direkt mit ihrer Deutung zu verbinden.
Version A, beobachtungslastig
Lukas legt die Gabel ab, bevor sein Vater den Satz beendet hat. Er nickt kurz. Dann steht er auf und beginnt, den Tisch abzuräumen, obwohl seine Schwester noch isst. Er trägt die Teller in die Küche und stellt sie in die Spüle. Das zeigt, dass ihm das Gespräch unangenehm ist.
Blau markiert sind die Sätze, die eine Deutung enthalten.
Von der Beobachtung zur Deutung kommen
Drei Fragen helfen, aus einer Beobachtung eine Deutung zu machen:
- Was zeigt das?
- Wozu dient das an dieser Stelle?
- Was wäre anders, wenn es nicht so wäre?
Eine Antwort auf diese Fragen ist eine Deutung, eine blosse Umformulierung der Beobachtung ist es nicht.
Beobachtung: Lukas steht auf, bevor jemand anderes fertig gegessen hat. Deutung: Er nutzt eine unauffällige Handlung, um sich dem Gespräch zu entziehen, ohne offen zu widersprechen.
Die Deutung beantwortet, wozu die Handlung an dieser Stelle dient. Sie wiederholt die Beobachtung nicht in anderen Worten, sondern nennt eine Funktion oder Wirkung, die sich am Text begründen lässt.
Übung 1: Beobachtung oder Deutung
Wähle bei jedem Satz, ob es sich um eine Beobachtung oder eine Deutung handelt. Die Sätze beziehen sich auf folgende Szene: „Mia blätterte während der Präsentation ihrer Gruppe mehrmals in ihren eigenen Notizen, obwohl sie an der Reihe war zu sprechen. Als die Lehrperson nachfragte, antwortete sie schneller, als die Frage zu Ende gestellt war.“
1. Mia blättert mehrmals in ihren Notizen, obwohl sie an der Reihe ist zu sprechen.
2. Sie ist sich ihres eigenen Textes nicht sicher und versucht, sich mit den Notizen abzusichern.
3. Sie antwortet, bevor die Lehrperson die Frage zu Ende gestellt hat.
4. Damit will sie den Eindruck vermeiden, sie hätte keine Antwort parat.
Übung 2: Passende Deutung wählen
Wähle zu jeder Beobachtung die Deutung, die sich am Text begründen lässt, ohne die Beobachtung nur zu wiederholen oder über das hinauszugehen, was im Text steht.
Beobachtung: Mia blättert mehrmals in ihren Notizen, obwohl sie an der Reihe ist zu sprechen.
Beobachtung: Sie antwortet, bevor die Lehrperson die Frage zu Ende gestellt hat.
Beobachtung: Lukas legt die Gabel ab, bevor sein Vater den Satz beendet hat.
Am eigenen Aufsatz arbeiten
Den eigenen Analyseabsatz auf das Verhältnis von Beobachtung und Deutung prüfen lassen.