Rekonstruieren, nicht nacherzählen
Der Unterschied zwischen Rekonstruktion und Nacherzählung liegt nicht darin, was Sie wiedergeben, sondern wie Sie Ihren Text organisieren. Beim Nacherzählen folgen Sie der Reihenfolge des Ausgangstextes. Beim Rekonstruieren folgen Sie der Logik seines Arguments.
Sichtbar wird der Unterschied an den Verbindungswörtern. Wer nacherzählt, verbindet additiv: zunächst, auch, ausserdem, dann. Diese Wörter sagen nur, dass noch etwas kommt. Sie sagen nicht, in welchem Verhältnis es zum Vorherigen steht. Wer rekonstruiert, macht die Funktion sichtbar: Die zentrale These lautet, das begründet er damit, als Beleg führt er an, daraus ergibt sich.
Schalten Sie im folgenden Beispiel zwischen beiden Fassungen desselben Textes um. Beide beziehen sich auf einen Artikel von Julian Hanich, in dem dieser gegen das Synchronisieren von Filmen argumentiert. In der rekonstruierten Fassung können Sie unten anklicken, welche Rolle ein Satzteil im Argument übernimmt.
Der Reihe nach wiedergegeben.
Hanich schreibt zuerst, dass bei der Synchronisation Bedeutung verloren gehe. Dann sagt er auch, dass die Sprache im Film die soziale Herkunft der Figuren zeige. Ausserdem erwähnt er die Liverpooler Unterschicht, den sizilianischen Bergbauer und den «black twang». Er hält auch fest, dass eine blosse Wortübersetzung nicht genüge. Zum Schluss fragt er noch, was die Synchronisateure denn tun sollten.
In der rekonstruierten Fassung wird das Verhältnis der Teile sichtbar: Die These steht oben, die Beispiele sind ihr untergeordnet, und die Schlussbemerkung ist kein weiterer Punkt, sondern zeigt, wie das Argument zugespitzt wird. In der Nacherzähl-Fassung hängt jeder Satz mit demselben «auch» am vorherigen.
Vier Fragen vor dem Schreiben
Bevor Sie schreiben, klären Sie für sich vier Dinge:
- Was ist die zentrale These? Die eine Aussage, auf die alles hinausläuft.
- Womit wird sie begründet? Der Gedanke, der erklärt, warum die These stimmt.
- Was sind bloss Beispiele? Sie illustrieren die Begründung und sind ihr untergeordnet.
- Gibt es eine Komplikation? Ein Einwand, ein Problem oder eine offene Frage, die der Autor selbst aufwirft.
Kein Raster überstülpen. Nicht jeder Text ist «These, Begründung, Beispiel» in dieser Reihenfolge. Mancher beginnt mit einem Einwand, den der Autor gleich entkräftet. Mancher stützt eine These mit mehreren unabhängigen Argumenten. Mancher läuft nicht auf eine Antwort zu, sondern auf eine offene Frage. Die vier Fragen helfen Ihnen zu erkennen, wie der Autor vorgeht. Sie schreiben es nicht vor. Wer das Schema mechanisch anwendet, verfehlt gerade die Texte, deren Gedankengang interessant ist.
Eine Aussage lässt sich erst dann einordnen, wenn feststeht, was sie überhaupt behauptet. Bei Metaphern, Ironie und rhetorischen Fragen ist das ein eigener Arbeitsschritt: siehe Rhetorische Aussagen wiedergeben.
Die Sprache der Funktion
Verben wie sagen, meinen und finden sind zu unbestimmt: Sie halten fest, dass etwas geäussert wird, aber nicht, wozu es im Argument da ist. Die folgenden Wendungen machen die Funktion sichtbar.
These
Die zentrale These lautet, dass … / Hanich will zeigen, dass …
Begründung
Das begründet er damit, dass … / Der Grund dafür sei, dass …
Beleg / Beispiel
Als Beleg führt er an … / Dies veranschaulicht sie am Beispiel …
Einwand / Komplikation
Dagegen liesse sich einwenden … / Das Problem verschärft sich, weil …
Bündelung
Damit will er zeigen, dass … / Daraus folgert sie, dass …
Oft genügt ein einziges Wort, um aus einer Aufzählung eine Begründung zu machen: «Sprache markiert soziale Unterschiede, und weil genau das bei der Synchronisation eingeebnet wird, geht Bedeutung verloren.» Erst das «weil» zeigt, wozu der zweite Satzteil da ist.
Der Test: Lesen Sie Ihre Rekonstruktion und fragen Sie sich, ob jemand, der den Originaltext nicht kennt, danach sagen könnte, was der Text im Kern behauptet, und ob er das Zentrale von der Illustration unterscheiden kann.
Übungen
Sie müssen die Ausgangstexte nicht kennen. Alles, was Sie zur Lösung brauchen, steht in der jeweiligen Aufgabe.
Übung 1: Welche Funktion hat der Satz?
Diese Rekonstruktion beginnt nicht mit der These, sondern mit einem Einwand, den der Autor gleich aufnimmt. Bestimmen Sie für jeden Satz seine Rolle im Argument. Es geht nicht ums Etikettieren, sondern um die Relation: Begründung wofür, Einwand wogegen.
1) «Man könnte einwenden, das Du sei bloss praktisch, so wie die vielen neuen Lehnwörter auch.»
2) «Coulmas‘ zentrale These ist jedoch, dass das ungefragte Du etwas anderes ist als ein neues Wort, weil es eine soziale Nähe unterstellt, die gar nicht besteht.»
3) «Er begründet dies damit, dass das Duzen unter Erwachsenen gewöhnlich auf einer ausdrücklichen oder stillschweigenden Übereinkunft beruht.»
4) «Das zeige sich an den Nachrichten von Suchmaschinen und Geräteherstellern, die uns duzen, obwohl wir sie nicht kennen.»
5) «Damit will Coulmas zeigen, dass die scheinbar praktische Anrede in Wahrheit eine stillschweigende Grenzverschiebung ist.»
Übung 2: Das fehlende Verbindungswort
Die folgende Fassung reiht die Aussagen bloss aneinander. Setzen Sie an jeder Lücke die Wendung ein, die die Funktion sichtbar macht. Die additiven Varianten passen grammatisch, zeigen aber keine Relation.
Hanichs These ist, dass bei der Synchronisation Bedeutung verloren geht. Sprache im Film soziale Herkunft markiert und genau das eingeebnet wird. die Liverpooler Unterschicht und den sizilianischen Bergbauer. , dass jede sprachliche Eigenheit im Deutschen zur selben neutralen Standardsprache wird.
Am eigenen Aufsatz arbeiten
Nehmen Sie einen eigenen Abschnitt, in dem Sie einen fremden Text wiedergeben. Streichen Sie zuerst alle additiven Anschlüsse (zunächst, auch, ausserdem, dann) und prüfen Sie, ob der Abschnitt ohne sie noch zusammenhängt. Dort, wo er auseinanderfällt, fehlt eine Funktionsangabe.
Danach können Sie den Abschnitt mit dem folgenden Prompt prüfen lassen.